2 / 5

Democratize

Healthcare

Intro :

Tobias Gantner ist ausgebildeter Transplantationschirurg und Gründer der HealthCare Futurists, einem internationalen Netzwerk von innovativen Unternehmen im Bereich des Gesundheitswesens. Er ist überzeugt davon, dass die digitale Transformation medizinisches Wissen einfacher zugänglich macht und Transparenz in Krankheitsvorgängen, Genesungsverläufen und der Qualität ärztlicher Leistung schafft.

Während der Corona-Krise schloss sich Gantner mit seinem Maker Space mundschuh.org der Initiative Maker vs. Virus an und produzierte auf Anfrage Face Shields für diejenigen, die keine hatten und dringend welche brauchten.

Wir haben mit ihm über seine Mission, das Gesundheitswesen zu demokratisieren und Medizin für alle zugänglich zu machen, gesprochen.

Tobias Gantner :

Dr. Tobias Gantner hält als Gründer der HealthCare Futurists regelmäßig Vorträge.

Meine Vision :

„Mit geteiltem Wissen und Können, das sich in digitalen Plattformen, Apps und Gadgets festhalten lässt, werden wir das immer noch sehr ständepolitisch geprägte Gesundheits-
system gemeinsam aufbrechen. Die Veränderung geht von den Patienten aus — nach dem ‚bottom-up′-Prinzip sozusagen.“

Steckbrief :

wer :
Dr. med. Tobias Gantner

was :
ausgebildeter Transplantationschirurg; Gründer und Leiter der Ideen- und Produktschmiede „HealthCare Futurists“

mit wem :
150 Mitarbeitern

wo :
Meist unterwegs. Zu Hause ist Tobias Gantner in Siegburg bei Köln.

wofür :
Demokratisierung und digitale Transformation des Gesundheitswesens

früher:
Studium der Humanmedizin, Philosophie, Gesundheitsökonomie sowie Rechtswissenschaften

heute:
Tobias Gantner war Assistenzarzt in der Transplantationschirurgie und unter anderem für Siemens Healthcare, Novartis Pharma, Bayer Healthcare sowie Johnson&Johnson in Leitungsfunktionen tätig. Er unterrichtet an verschiedenen akademischen Institutionen und ist Teil des internationalen Netzwerks Sciana, dem Führungspersönlichkeiten aus den Bereichen Gesundheit, Gesundheitspolitik und Innovation angehören.

Interview :

WISSEN IST GUT,
VERNETZEN
IST BESSER

Die Maker-Community ist eine Art moderne Heimwerker-Bewegung — tech-affin und experimentierfreudig. Maker gestalten, basteln und konstruieren mit technischen Werkzeugen wie 3D-Druckern, Lasercuttern oder Lötkolben. Zu Hause oder organisiert in sogenannten FabLabs, Hackerspaces und Repair Cafés. Ihr entstandenes Wissen teilen sie gerne mit anderen. Im Sinne der „Wisdom of Crowds“ — der Weisheit der Masse — vernetzen sie sich hierfür untereinander, gründen Plattformen und veranstalten digitale Workshops. Während der Corona-Krise entstand mit Maker vs. Virus ein deutschlandweites Netzwerk aus hunderten Makern, die Schutzmasken, Schutzkleidung oder Face Shields herstellten und unkompliziert zugänglich machten. Dr. Tobias Gantner schloss sich mit seinem eigenen „Maker Space“ mundschuh.org dieser Initiative an.

AdZ : Herr Gantner, Sie sind eigentlich Transplantationschirurg. 2013 gründeten Sie die Ideen- und Produktionsschmiede HealthCare Futurists, mit der Sie unter anderem Hackatons und Innovation Labs veranstalten, um sich zu aktuellsten Entwicklungen im Gesundheitswesen auszutauschen und gemeinsam neue Ideen zu realisieren. Nebenher setzen Sie sich für OhneArztPraxen ein, in denen PatientInnen über einen digital zugeschalteten Arzt behandelt werden. Während der Corona-Krise gründeten Sie zusätzlich die Datenbank „Faster Than Corona“, die Entwicklungstrends der Pandemie erkennen soll, und schlossen sich mit ihrem Maker Space mundschuh.org der Initiative Maker vs. Virus an, für die Sie mit Ihrem 3D-Drucker Face Shields herstellen. All diese Aufgaben bilden mittlerweile den Schwerpunkt Ihrer beruflichen Tätigkeit, als Transplantationschirurg sind Sie inzwischen nicht mehr tätig. Warum?

TG : Ich bin jemand, der gerne vorne dran ist und etwas Neues ausprobiert, mich interessieren Zusammenhänge und interdisziplinäre Themen. Also habe ich mich entschlossen, einen anderen Weg als den des Arztes einzuschlagen und mich ganz dieser Interdisziplinarität im Gesundheitswesen zu widmen. Es geht darum, die Zusammenhänge zu verstehen und die Zukunft der Gesundheit gemeinsam im Sinne unserer demokratischen Gesellschaftsstruktur zu gestalten. Genau da sind wir mit den HealthCare Futurists und OhneArztPraxen angetreten, während der Krise dann darüber hinaus mit Initiativen wie „Faster than Corona“ und Maker vs. Virus. Wir wollen das Gesundheitssystem revolutionieren und endlich digital transformieren, um medizinisches Wissen und Material einfacher und unbürokratischer zugänglich zu machen. Das ist unser Ziel.

„Es geht darum, die Zusammenhänge zu verstehen und die Zukunft der Gesundheit gemeinsam im Sinne unserer demokratischen Gesellschaftsstruktur zu gestalten.“

AdK : War die Corona-Krise hier ein Katalysator für eine positive Entwicklung?

TG : Ja, auf jeden Fall! Themen, die wir schon lange vorangetrieben hatten, wurden plötzlich Mainstream. Maker vs. Virus natürlich, wo sich die Maker-Szene deutschlandweit und rasend schnell in der Not zusammenschloss, um dringend benötigtes Schutzmaterial wie Masken, Kleidung oder eben Face Shields herzustellen. Dort, wo die bekannten und oft viel zu bürokratischen Strukturen des Systems versagten, sprangen also BürgerInnen ein, um Abhilfe zu schaffen. Das ist grund-demokratisch und wird das Gesundheitssystem nachhaltig verändern. Auch unsere OhneArztPraxen, in denen medizinische Fachangestellte PatientInnen betreuen und der Arzt von außerhalb online zugeschaltet wird, hatten während der Corona-Krise plötzlich einen enormen Zulauf. Warum? Weil das Telemedizin ist, die das Problem des Ärztemangels im ländlichen Raum abschwächen kann. Die Leute müssen nicht mehr in die nächste Kreisstadt fahren, um behandelt zu werden. Sie können in ihrem Dorf bleiben. Wir sehen: Man muss vor allem kreativ sein und die Kreativität mit wichtigem Fachwissen verbinden, um die Dinge weiterzuentwickeln und bestehende Grenzen zu überwinden. Und da sind wir wieder bei der Demokratie: Wir übernehmen Verantwortung, für uns selbst, aber auch füreinander und bringen mit unser aller Ideen die Gesellschaft weiter voran.

„In der ‚Wisdom of crowds′, der Weisheit der Masse, kann eine mächtige Innovationskraft liegen“

AdZ : Welche Rolle spielt die technologische Entwicklung im Prozess der Demokratisierung des Gesundheitswesens?

TG : Technologie demokratisiert den Zugang zu Wissen, macht es zugänglicher, ist damit Mittel zum Zweck. Durch die Wearables, Apps und Gadgets, die wir bereits heute auf unseren Smartphones haben, sammeln wir Gesundheitsdaten, messen Herzschlag und Blutdruck. Das wird immer mehr werden und sobald wir als mündige BürgerInnen erkennen, dass wir einen Nutzen von diesen digitalen Tools haben, z. B. ein längeres Leben oder eine höhere Lebensqualität, und uns zusätzlich unbürokratisch vernetzen können, werden wir das Angebot wahrnehmen. Wir werden Wissen und Können teilen und gemeinsam das noch immer sehr ständepolitisch geprägte Gesundheitssystem aufbrechen. Die Veränderung geht von den Patienten aus – nach dem „bottom-up“-Prinzip sozusagen.

„Ich würde mir mehr Mut und Gründergeist für die Zukunft wünschen und weniger Hang zum ausgeprägten Bewahrertum.“

AdK : Ihre ganz persönliche Einschätzung: Wo hapert es beim Demokratisieren des Gesundheitssystems noch?

TG : Ich denke, wir können generell besser werden bei der Diskussionskultur. Bei uns ist man bei Kritik schnell auf der persönlichen Ebene. Statt „Das, was du machst, ist idiotisch“, heißt es oft „Du bist ein Idiot.“ Davon sollten wir wegkommen, neue Ideen zulassen und gemeinsam weiterentwickeln. Ich würde mir außerdem mehr Mut und Gründergeist für die Zukunft wünschen und weniger Hang zum ausgeprägten Bewahrertum — so wie wir es vielerorts während der Krise ja bereits sehen konnten.

Maker Space :

Während der Corona-Krise baute Dr. Tobias Gantner kurzfristig seine private Garage in einen Maker Space um und produzierte auf Anfrage Ersatzteile für Beatmungsgeräte, Masken und Face Shields für diejenigen, die keine hatten und dringend welche brauchten.

Maker Mobil :

Auf Anfrage kommt Dr. Tobias Gantner in seinem HealthCare Maker Mobil – ein zum „Mitmach-Museum“ umgebauter Van – auf die Bühne oder tourt damit durch Europa. Bei Unternehmen, Politikern, Ärzten oder Apothekern stellt er dann die digitalen Tools aus dem Medizinbereich vor.

Corona Shooter :

Der Corona-Shooter ist eine Virtual-Reality-Anwendung, die aus einem Lehrvideo über eine Immunerkrankung resultiert, das ein Pharmaunternehmen beauftragt hatte. Nachdem das Unternehmen die Umsetzung nicht weiter verfolgte, finanzierte Dr. Tobias Gantner das Projekt aus eigenen Mitteln.

Vom einfachen Video zur Virtual-Reality-Anwendung — Dr. Tobias Gantner ist überzeugt davon, dass hier die Zukunft medizinischer Lehrinhalte liegt: „Ich habe für den ‚Corona Shooter‘ einen Pod mit Motoren ausgestattet, in den kann man sich samt VR-Brille hineinsetzen. Zusammen mit einem Automotive Partner haben wir ein virtuelles Immunsystem aufgebaut, durch das sich fliegen lässt. Was lag da in Covid-19-Zeiten näher, als eine klassische Space-Mechanik zu nehmen und Jagd auf Viren zu machen?“

Faster than Corona :

Daten spenden für die Forschung - ein ehrenamtliches Open-Science-Projekt

Die Plattform „Faster than Corona“ (www.fasterthancorona.org) hat Dr. Tobias Gantner gemeinsam mit einem internationalen Team aus Vordenkern im Bereich der digitalen Transformation des Gesundheitswesens ins Leben gerufen. Auf der Website werden BürgerInnen dazu eingeladen, einen Corona-Fragebogen auszufüllen und diesen ans „Faster than Corona“-Team zu übermitteln. So wird ein Spenderprofil angelegt, das regelmäßig mit Hilfe von neuen Daten aktualisiert wird. Je mehr Spender es gibt, desto besser. Denn dann können die ExpertInnen ein Muster im Krankheitsverlauf erkennen und an wissenschaftliche Einrichtungen weitergeben.

Tobias Gantner :

„Dort, wo in der Krise bekannte und oft viel zu bürokratische Strukturen versagten, sprangen BürgerInnen ein, vernetzten sich und konnten so schnell und effizient Versorgungslücken schließen. In dieser „Wisdom of crowds“, der Weisheit der Masse, kann eine mächtige Innovationskraft liegen.“

Inspiration :

Dinge, die mich während des Lockdowns inspiriert haben:

Phone-Gadget

Ganz besonders natürlich ein neues medizinisches Spielzeug: dieser Ultraschallkopf, der sich an das Smartphone anschließen lässt.

Musik

Wir haben ein Klavier gekauft, gut fürs vernetzte Denken! Ein Grothrian Steinweg BJ 1939, von einem befreundeten Klavierbauer komplett hergerichtet, das schon so manche Krise überlebt hat. Die Kinder lernen mit Lehrer, ich lerne mit zwei Tablet-Programmen und dem Vorteil, dass ich schon seit Jahren Gitarre spiele und einigermaßen fit in Musiktheorie bin und den unbändigen Willen habe, auf dem Klavier Boogie Woogie zu spielen.

Draußen sein

Unser Labrador kam schon zum Jahresanfang zu uns. Sie heißt Juno und hält uns ziemlich auf Trab. Wenn wir draußen spazieren gehen, versuche ich viel über meine Projekte nachzudenken, das macht zumindest meinen Kopf frei. Der Hund merkt aber immer, wenn ich nicht präsent bin und fordert ein, sich mit ihm zu beschäftigen. Eine gute Gelegenheit, auch in Zeiten des Lockdowns raus zu kommen und im Jetzt zu leben.

Spielen

Eine Wiederentdeckung, die zum Kreativsein anregt und bei der jeder mitmachen kann: Lego, insbesondere Lego Ideas (Pirates of Barracuda Bay!). Wir bauen gerade einen Lego-Spieltisch mit dem Arbeitstitel „Handlungsebene“, den wir zu unseren Veranstaltungen mitnehmen.

Bücher

James Niehues gibt auf seiner Website einen fasinierenden Einblick in seine Arbeit (www.jamesniehues.com)

Linksammlung :

Dr. Tobias Gantner engagiert sich in verschiedensten Netzwerken, Initiativen, Think Tanks und Unternehmen rund ums Thema Gesundheit Demokratisieren:

HealthCare Futurists

Internationales Netzwerk bestehend aus innovativen Unternehmen im Bereich des Gesundheitswesens. Veranstaltet werden regelmäßig Hackatons und Innovation Labs, um sich zu den aktuellsten Entwicklungen auszutauschen, gemeinsam neue Ideen zu kreieren und diese in die Tat umzusetzen. Mit dem HealthCare Maker Mobil tourt Dr. Tobias Gantner durch Europa.

Faster than Corona

Corona-Datenbank aus Informationen tausender BürgerInnen, mit deren Hilfe Entwicklungstrends in der Pandemie erkannt werden sollen.

Mundschuh.org

Dr. Tobias Gantners’ eigene Maker-Initiative, für die er in seinem Maker Space – seiner privaten Garage zu Hause in Siegburg – auf Anfrage mit einem 3D-Drucker Face Shields produziert. Hier stellt er auch 3D-druckbare Vorlagen sowie eine Anleitung für all diejenigen bereit, die selbst drucken möchten. Mit mundschuh.org wurde Gantner Teil der Initiative Maker vs. Virus.

Maker vs. Virus

Ein dezentrales Netzwerk, das Menschen und/oder Organisationen, die in der Pandemie Equipment oder Ersatzteile brauchen, mit hunderten Maker Spaces in ganz Deutschland zusammenbringt, die dieses Material produzieren können.

OhneArztPraxis

Die Ärztin oder der Arzt ist hier nicht selbst vor Ort, sondern wird über telemedizinische Verfahren angebunden. In den Praxen selbst sind z.B. medizinische Fachangestellte und Arztassistenten tätig, die im Auftrag der Ärztin bzw. des Arztes die telemedizinischen Geräte bedienen und ergänzende Tätigkeiten ausführen. Durch OhneArztPraxen soll dem Problem des Ärztemangels in ländlichen Regionen entgegengewirkt werden.

Idee und Konzept: Yvonne Bauer für Herburg Weiland
Redaktion: Katharina Neumann für Bureau N
Alle Fotos und Renderings: © Tobias Gantner, The man behind the maps/James Niehues, Der springende Punkt/Herder Verlag, Was ist Was/Tessloff Verlag